Manchmal ereignen sich Erfahrungen, die uns unvermittelt still werden lassen - Erfahrungen, die uns näher an das Geheimnis des Karfreitags führen, egal welche Jahreszeit gerade ist.
Während einer Städtereise mit meiner Frau nach Leipzig begegnete uns an einer Museumstür ein Satz, der mich bis heute nicht loslässt:
„Warnung! Geschichte kann zu Einsichten führen und verursacht Bewusstsein.“
Die Ausstellung widmete sich den Jahren der Diktatur, des Widerstands und der Zivilcourage in der DDR. Obwohl ich eigentlich kein „Museumsmensch“ bin, wurde ich dort mit der Geschichte unseres Landes konfrontiert - und mit Fragen, die Menschen aller Zeiten bewegen:
Was macht Menschen fähig zu Unrecht? Woher nehmen andere die Kraft zum Widerstand? Und was bedeutet Verantwortung heute?
Unser Weg führte weiter nach Weimar - und von dort fast zwangsläufig nach Buchenwald. Mir war kaum bewusst, wie nah Weimar, dieser Ort großer Kultur, an einem der größten Konzentrationslager auf deutschem Boden liegt. Die Fakten, die Google und Wikipedia nüchtern nennen, bekommen erst auf dem Gelände selbst ein Gesicht:
266.000 Menschen waren hier inhaftiert. Unzählige haben gelitten, gearbeitet, gehofft - und viele ihr Leben gelassen.
Als wir die Gleise sahen, die einst dorthin führten, wurde mir eng ums Herz. Bilder aus Filmen wie Schindlers Liste mischten sich mit der bedrückenden Realität vor Ort.
Während der Führung hörten wir von der sogenannten „Blutstraße“, von unmenschlicher Arbeit, von der zynischen Aufschrift am Lagertor: „Jedem das Seine.“
Wir hörten von den Kennzeichen, mit denen Menschen markiert wurden. Von Leid, das kaum aussprechbar ist.
Und schließlich standen wir vor der Genickschussanlage. Unwillkürlich nahm ich meine Mütze ab.
Manchmal ist Schweigen die einzig mögliche Form des Gebets.
Doch auch nach 1945 brach das Leid dort nicht ab. Das Gelände wurde von der sowjetischen Besatzungsmacht weiter als Haft- und Sterbeort genutzt. Geschichte endet nicht einfach - sie geht weiter und verlangt nach einem wachen Gewissen. Als wir schließlich ins Auto stiegen, schwiegen wir lange. Worte schienen zu klein.
Und doch muss es immer wieder ins Wort gebracht werden, damit dies in unserem Land niemals wieder passiert. Ich falte die Hände und bete: „Herr, vergib uns so viel Grausamkeit.“
Rüdiger Glaub-Engelskirchen,
Gemeindereferent

